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Interview mit Professor Dr. Christine Garbe

31. Mai 2012

Frau Bengsch hat im Mai 2012 ein Interview mit Frau. Prof. Dr. Garbe, der Begründerin von „Zeitungsleser-Weltentdecker“ geführt. Die gedruckte Fassung, die am 31.05.12 in der LZ erschienen ist, finden Sie hier: LZ_31_05_2012_InterviewGarbe

Das vollständige Interview, also einschließlich der Teile, die nicht gedruckt worden sind, finden Sie hier als Kommentar.

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  1. 31. Mai 2012 12:24

    Frau Prof. Dr. Garbe, wenn Sie sich an Ihre Kindheit erinnern, gab es
    da schlaflose Nächte mit Buch und Taschenlampe unter der Bettdecke?
    Christine Garbe: Ja. Ich weiß wir haben damals zu viert in einem
    Kinderzimmer gehaust. Alle haben sehr gerne gelesen und es war nicht
    gerne gesehen, dass wir abends, wenn wir schlafen gehen sollten, noch
    lasen. Dann haben wir auch zur Taschenlampe gegriffen, ganz klar. Bei
    mir waren es übrigens gar nicht so die typischen Mädchenbücher, die
    ich gerne gelesen habe: Karl May, also Winnetou, den habe ich
    mindestens genauso gerne gelesen wie meine Brüder.
    Lesen hat Sie also schon früh begleitet, obwohl es doch die
    unnatürlichste Tätigkeit des Gehirns ist. Auf diese These des
    Hirnforschers Ernst Pöppel greifen Sie selbst bei Vorträgen zurück.
    Was ist damit gemeint? Garbe: Gemeint ist damit erst einmal, dass es
    im Gehirn gar keine spezialisierte Region für das Lesen gibt oder
    sagen wir mal für die Schriftverwendung im Allgemeinen — das gilt
    natürlich für das Schreiben genauso. Wenn wir die Geschichte des
    Menschen als Tag betrachten, dann hat sozusagen erst in den letzten
    zehn Minuten eines Tages überhaupt erst die Entwicklung der Schrift
    begonnen. Das bedeutet in phylogenetischer Perspektive hatte das
    Gehirn noch gar keine Möglichkeit, keine Chance, sich darauf zu
    spezialisieren. Wir erhalten aktuell durch die modernen bildgebenden
    Verfahren in der Hirnforschung mehr Einblicke darin, wie komplex die
    Vorgänge sind, die beim Lesen im Gehirn ablaufen. Ein prominenter
    Hirnforscher sagte einmal: wir sind im Moment noch dabei und klarer zu
    machen, was in Bruchteilen von Sekunden an komplexen Verschaltungen im
    Gehirn ablaufen, damit wirklich ein Sinn entsteht aus Buchstaben. Und
    das sind sehr sehr unterschiedliche Hirnregionen, die da beteiligt
    sind und sehr komplexe Vorgänge. Also das ist das eine, wie man das
    verstehen mus.&62; Unnatürlich ist es, weil es von der Evolution nicht
    vorgesehen ist. Es war eine der grandiosesten Leistungen der
    Menschheit, Schriften zu erfinden. Pöppel sagt: Es ist geradezu
    unvorstellbar, dass wir in einem System von 28 bis 30 Buchstaben alles
    überhaupt nur Denkbare und Vorstellbare formulieren können. Die
    Tatsache, dass diese reichhaltige Welt von Gedanken und Gefühlen und
    Bildern durch dieses Nadelöhr von wenigen Buchstaben geht, das ist
    eine ungeheure Abstaktionsleistung. Im Gehirn gibt es keine
    spezialisierte Region für das Lesen oder sagen wir mal für die
    Schriftverwendung im Allgemeinen — das gilt natürlich für das
    Schreiben genauso. Wenn wir die Geschichte des Menschen als Tag
    betrachten, dann hat sozusagen erst in den letzten zehn Minuten eines
    Tages überhaupt erst die Entwicklung der Schrift begonnen.Das bedeutet
    in phylogenetischer Perspektive hatte das Gehirn noch gar keine
    Möglichkeit, keine Chance, sich darauf zu spezialisieren.
    Trotzdem geht es heute nicht mehr ohne Lesen. Garbe: Genau. Seit wir
    literale Gesellschaften sind, seit wir also Gesellschaften sind, die
    eine überlieferbare Kultur entwickelt haben, indem sie eben
    Schriftsysteme entwickelt haben, ist Schrift immer wichtiger geworden.
    Das Interessante ist, das man noch vor wenigen Jahrzehnten diskutiert
    hat, das wahrscheinlich Lesen und Schreiben immer unwichtiger wird
    durch die neuen Medien, also durch die audiovisuellen und visuellen
    Medien, und man davon ausging, das Lesen wird aussterben.
    Interessanterweise ist aber das Gegenteil passiert. Gerade mit den
    digitalen Medien sind wir mit soviel Schrift konfrontiert wie nie
    zuvor. Kinder oder Jugendliche heutzutage, die im Chat sind, über SMS
    oder E-Mails kommunizieren, lesen und schreiben nahezu ständig.
    Mit welchen Folgen? Garbe: Dass die Differenz zwischen Schriftlichkeit
    und Mündlichkeit kleiner wird. Wenn wir sprechen kommunizieren wir
    anders als wenn wir schreiben. Wenn wir schreiben sind wir viel
    formeller, viel präziser. Wir müssen genauer formulieren, weil das
    geschriebene Wort auch unabängig vom Kontext verständlich sein. Wenn
    wir sprechen können wir sehr viel nachlässiger formulieren, weil der
    andere ja nachfragen kann. Daran merkt man, dass die mündliche Sprache
    ein ganz anderes Sprachregister ist als die schriftliche. Dadurch,
    dass wir jetzt sehr kommunikativ schreiben im Chat, in E-Mals und in
    SMS, dass sich die schriftliche Sprache in diesen Bereichen viel
    stärker der mündlichen Sprache annähert. ein gutes Beispiel dafür sind
    die ganzen Abkürzungen, Emoticons oder umgangssprachliche
    Formulierungen, die eigentlich mündliche Sprache immitieren, aber im
    Medium der Schriftlichkeit. Die Konservativen beklagen, dass die
    Sprache nachlässiger wird, dass man nicht mehr so sorgfältig und
    komplex formuliert. Das wird sofort evident, wenn Sie einen
    literarischen Text aus dem 18. Jahrhundert lesen, der ist unendlich
    viel komplexer formuliert, als wir heutzutage formulieren. Da gehen
    auf jeden Fall Veränderungen vonstatten und die Geschrindigkeit könnte
    rein theoretisch auch auf Kosten von Komplexität gehen.
    nochmal auf die eigentliche Frage zurück: Warum geht es nicht mehr
    ohne Lesen? Garbe: Weil wir heute in einer durch und durch literalen
    Welt leben. . Einmal ist das durch die modernen Medien bedingt, die
    nicht nur bildgestützt, sondern sehr stark schriftgestützt sind. Die
    zweite große Entwicklung ist das, was wir als Wissensgesellschaften
    bezeichnen : Das bedeutet, dass ein wesentlicher Teil unseres
    Reichtums und unserer Produktivkraft besteht darin, Wissen zu
    produzieren und anzuwenden. Also gar nicht so sehr in der Fähigkeit
    materielle Güter zu produzieren, sondern Wissen zu produzieren und
    anzuwenden. Dieses Wissen beschleunigt sich in einem ungeheuren Tempo.
    Man sagt alle zehn Jahre ist alles Wissen wieder erneuert. Deshalb
    müssen wir ständig neu dazu lernen. Das ist eine der ganz großen
    Veränderungen gegenüber früheren Jahrzehnten. Damals hat man einmal
    eine Art Grund- und Ausbildung durchlaufen in der Schule und in der
    Berufsausbildung und war für den Rest seines Lebens dann gewappnet.
    Heuzutage ist das nicht mehr so. Im Durchschnitt sagt man, dass ein
    heutiger Schulabgänger vier oder fünfmal umlernen muss in seinem
    Beruflichen Leben, das heißt, sich auf ganz neue Anforderungen
    einstellen muss. Das ist das Schlagwort Lebenslanges Lernen. Alleine
    dadurch dass wir ständig lernen und weiterlernen müssen und auch in
    unserem Alltag unendlich viele Informationen verarbeiten müssen, sind
    wir in einem Ausmaß auf Lesen angewiesen, wie das in früheren Zeiten
    gar nicht vorstellbar war.
    Sie haben unsere Gesellschaft einmal als „gnadenlos literal“
    bezeichnet. Mal abgesehen vom Lernen, welche Bereiche sind noch
    betroffen? Garbe: Wir müssen bei den einfachsten alltäglichen Dingen
    heutzutage Lesen. Wenn Sie eine Fahrkarte lösen wollen, sei es im
    Internet oder im Fahrkartenautomat, müssen Sie lesen. Oder wenn Sie
    Geld ziehen wollen aus dem Bankautomat, müssen Sie lesen. Heutzutage
    nicht lesen zu können bringt in einem viel dramatischeren Maße als
    früher Nachteile mit sich. Wir wissen aus der angelsächsischen
    Forschung, dass die Anforderungen an die Literalität, also an das
    Lesen und Schreiben, am Arbeitsplatz in den letzten Jahrzehnten
    ungeheuer gestiegen sind. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Im
    Englischen heißt das Workplace Literacy, also sozusagen die
    Arbeitsplatzliteralität, die man braucht. Man kann sagen, dass
    Heutzutage muss jeder einfache Angestellte über eine mindestens so
    hohe Lesekompetenz verfügen, wie vor einigen Jahrzehnten noch
    Studenten.Heutzutage sind fast 100 Prozent unserer Arbeitsplätze mit
    Lesen und Schreiben verbunden.
    Können Sie für diese Entwicklung ein Beispiel nennen? Garbe: Auch viel
    Berufe, in denen man früher überhaupt nicht lesen und schreiben
    musste, Nehmen wir mal den Hausmeister bei uns an der Universität —
    der sitzt einen halben Tag am Computer. Früher war das Jemand, der mit
    Handwerkszeug rumlief und mal dies oder jenes repariert hat. Deswegen
    sind die Anforderungen an Lesekompetenz so enorm gestiegen und wir
    können es uns eben nicht mehr leisten, dass laut Pisa-Studie jeder
    fünfte Jugendliche in Deutschland mangelhaft liest. Das geht gar nicht
    mehr. Wir könnten vielleicht gerade noch zwei Prozent verkraften. Das
    ist ein dramatischer Notstand, der 2006 in Lüneburg dazu führte, dass
    wir das Netzwerk Leseförderung gegründet haben und unter anderem
    Projekte wie die Zeitungsleser — Weltentdecker ins Leben gerufen
    haben.
    Das ist sicherlich nicht neu. Die erste PISA-Studie war im Jahr 2000,
    die hat im Grunde einer breiten Öffentlichkeit erst bewusst gemacht,
    dass Lesen überhaupt so ein wichtiges Thema ist. Ich selbst
    beschäftige mich damit seit den 1970er Jahren und für mich war das
    nicht neu, aber natürlich für viele andere. Die PISA-Studie ist nur
    ein Refelx dieser gesellschaftlichen Entwicklung. PISA wird ja von der
    OECD finanziert und das ist die Gesellschaft für wirtschaftliche
    Entwicklung und Zusammenarbeit. Also da geht es um Wirtschaft, nicht
    um Bildung. Dass eine weltweit hochrangige Wirtschaftsorganisation
    sagt, wir müssen die Qualität von Bildung testen und wir brauchen
    sogenannte Basiskompetenzen und die allerelementarste Basiskompetenz
    ist Lesen, das ist glaube ich ein Ausdruck dieser Entwicklung, die ich
    eben skizziert habe. Wenn Sie sich anschauen, was PISA als
    Lesekompetenz definiert und getestet hat, wird man feststellen, das
    sind sehr komplexe Vorgänge. Das sind nämlich Vorgänge, wo man nicht
    einfach mal einen Text laut vorliest, sondern da geht es um sehr
    substanzielle und differenzierte Verstehensprozesse. Und die
    PISA-Experten sagen uns im Prinzip: auf diesem Level müssen alle
    unsere Jugendlichen lesen könne, wenn sie die Schulen verlassen. Und
    dann haben sie festgestellt in Deutschland, beid er ersten Studie, bei
    der es ums Lesen ging, also 2000, dass fast 25 Prozent der 15-Jährigen
    in Deutschland können das nicht. Beim zweiten Durchgang, 2009, waren
    es ja nur noch in anführungsstrichen 20 Prozent, die auf dem Niveau
    mangelhaft gelesen haben. Pisa sagt uns die lesen mit 15 so, wie sie
    eigentlich in der vierten Klasse lesen sollten. Aber dieses
    Stufenmodell der Lesekompetenz heißt, wer auf oder unter Stufe eins
    liest, der hat die Schulnote mangelhaft oder ungenügend.
    Das ist eine private Initiative. Wenn wir uns die genannten Zahlen vor
    Augen führen, was läuft denn schief an deutschen Schulen? Garbe: Das
    ist kein spezifisch deutsches Problem, das ist mindestens ein
    europäisches Phänomen und zu Teilen auch ein weltweites. Aber auf der
    anderen Seite haben wir gerade auch in Europa Beispiele, das es besser
    laufen kann: Finnland ist das Pisa-Siegerland im ersten Durchlauf
    gewesen und auch im zweiten war es das beste Land in Europa. Finnland
    hat nur fünf bis sieben Prozent Schüler, die mangelhaft lesen, wir 20
    bis 25, da gibt es eine Riesendifferenz. Die Ursachen dafür sind
    komplex. Auch wir haben es in Deutschland noch nicht verstanden welche
    Herausforderungen damit verbunden sind, auf dem erforderlichen Niveau
    Lesen und Schreiben zu lernen. Wir sind immer noch der Meinung, Lesen
    und Schreiben lernt man in der ersten und zweiten Klasse und und es
    geht eigentlich nur um ein Kulturwerkzeug, es ist also mehr oder
    weniger eine motorische Fertigkeit ist, das gesprochene Wort in ein
    geschriebenes Wort zu übersetzen. Wir wissen heutzutage zum Beispiel
    durch die Hirnforschung, abervor allem auch durch die
    kognitionspsychologische Leseforschung, dass das rein grafomotorische
    Umsetzen, also Buchstaben zu schreiben, oder auch umgekehrt Buchstaben
    wieder zurück zu übersetzten in die Lautsprache, damit ist es
    überhaupt nicht getan. Das sind aber nur fünf Prozent der Aufgabe. Die
    anderen 95 Prozent werden von der Schule nicht systematisch geleistet.
    Welche sind das? Garbe: Lesen ist vor allem Textverstehen. Dazu
    brauchen wir einen sehr ausdifferenzierten Wortschatz. Wir müssen
    Leseflüssigkeit erwerben. Nachdem wir das reine Entziffern gelernt
    haben, müssen wir lernen, in einer angemessenen Geschwindigkeit,
    angemessenen Genauigkeit und angemessenen Frasierung zu lesen. Also
    das man eine sinnvolle Betonung eines Satzes erlernt, denn nur so kann
    man den Satz verstehen. Die hierarchie-niedrigen Lesefähigkeiten
    müssen soweit automatisiert sein, dass der Arbeitsspeicher unseres
    Gehirns frei wird für das eigentliche Verstehen. Die wirklich
    schwachen Leser kämpfen mit den unteren Anforderungen und kommen gar
    nicht zum eigentlichen Textverstehen.
    Welche Rolle spielt den in diesem Zusammenhang das stille Lesen?
    Garbe: Das reihum laut Vorlesen ist überhaupt das Unproduktivste, was
    man machen kann. Wenn ein Schüler, der Schwierigkeiten hat mit dem
    Lesen, jetzt plötzlich aufgefordert wird, der ganzen Klasse etwas
    vorzulesen, hat der natürlich enorme Angst, sich zu blamieren und
    ausgelacht zu werden. Er wird in dieser Streßsituation versuchen, das
    halbwegs zu absolvieren — und gar nicht verstehen, was er liest. Laut
    Lesen ist nur dann sinnvoll, wenn man das als solches übt. Das ist ja
    in manchen Zusammenhängen durchaus sinnvoll. Das wollen wir ja auch,
    dass später die Eltern ihren Kindern vorlesen könne. Aber das muss man
    üben, das ist ein eigener Lernschritt. Und dann ist es schön, wenn man
    einen Text mehrfach gelesen hat, dass man ihn dann laut vorliest und
    das dann auch nochmal versucht zu verbessern. Aber zum Text verstehen
    ist das laut Lesen nicht sinnvoll. Da muss man die Möglichkeit haben,
    seine eigene Zeit zu haben für einen Text. Und das hat man nur beim
    stillen Lesen. Mancher Schüler muss vielleicht einen Satz zwei oder
    dreimal lesen bis er ihn verstanden hat und diese Zeit hat er nur beim
    stillen, slebständigen Lesen. Das ist das eine. Die nächste
    Anforderung ist das Text verstehen. Erstens muss man natürlich die
    Lexik verstehen, man muss also wissen, was die Worte bedeutet, das ist
    das Stichwort Wortschaft. Dann muss man die Syntax verstehen, man muss
    wissen, das wir im Deutschen oftmals einen ganz komplizierten Satzbau
    haben. Manchmal muss man einen Satz ersteinmal komplett
    auseinandernehmen in seine einzelenen Bestandteile, die analysieren,
    um den Gesamtzusammenhang zu verstehen. Und den wird man nur
    verstehen,
    Welche Rolle spielt Fachwissen? Garbe: Den Gesamtzusammenhang eines
    Textes wird man nur verstehen, wenn man einen fachlichen Hintergrund
    hat. Das vergessen Fachlehrer immer. Sie können mir einen Pysiktext
    vorlegen. Ich bin natürlich eine hochqualifizierte Leserin, aber ich
    werde diesen text nicht verstehen. Warum? Weil ich den fachlichen
    Hintergrund nicht habe. Ein ganz wichtiger Bestandteil des Lesens ist,
    dass wir ein entsprechendes Vorwissen haben und das wir das auch
    aktivieren.
    Was ist also das Problem? Garbe: Das wir immernoch eine ganz falsche
    Vorstellung haben vom Lesen. Jemand hat mal gesagt „nach dem
    Containermodell“, da ist irgendwo ein Sinn enthalten in diesem Text
    und diesen Sinn entnehmen wir jetzt, wie aus einem Container. Das
    stimmt aber nicht, das ist vollkommen falsch. Sinn entsteht dadurch,
    dass wir Informationen da entnehmen und verknüpfen mit Informationen,
    die wir im Kopf haben. Und das ganze ist ein konstrukiver Vorgang,
    kein rezeptiver Vorgang, das heißt es ist ein ungeheur aktiver Prozess
    des Verstehens. Und das alles sind Dinge, die müssen Schüler lernen.
    Die können sie nicht so ohne weiteres. //Das führt uns zum Stickwort
    Lesestrategien. Wir müssen sozusagen erstmal unsere grauen Zellen in
    Bewegung setzen, damit die all das, was ich zu einem bestimmten Thema
    weiß, aktiv aufrufen. Dann muss ich die Information aus dem Text
    entnehmen und beides verknüpfen. Und erst wenn all das passiert — und
    das sind diese ungalublich komplizierten Leistungen, die wir im Gehirn
    verbringen — werde ich eine Bedeutung konstruieren können.
    Was können und müssen Lehrer also ändern? Garbe: Wir müssen in den
    Schulen begreifen, dass Lesen eine Kompetenz ist, die von der ersten
    bis zur zehnten oder zwölften, 13. Klasse gelehrt werden muss — und
    zwar nicht nur im Deutschunterricht, sondern in allen Fächern. Was wir
    nämlich noch gar nicht verstanden haben: Es gibt fachspezifische
    Lesekompetenzen. Eine Textaufgabe im Mathematikunterricht erfordert
    ganz andere Fähigkeiten, als eine historische Quelle im
    Geschichtsunterricht oder ein sozialwissenschaftlicher Fachtext im
    Sozialkundeunterricht oder eben ein Gedicht im Deutschunterricht. Das
    heißt, wir müssen fachspezifisch Lesekompetenzen ausbilden. Das wird
    immer komplexer. Je anspruchsvoller die Texte werden im Laufe der
    Schulzeit desto anspruchsvoller muss auch das Lesen gelehrt werden.
    Das wäre eine Anforderung an die Lehrplangestalter, an die Curricular.
    Das ist zum Beispiel etwas, da sind andere Länder uns voraus. Zum
    Beispiel in Finnaland oder Norwegen gibt es bereits nationale
    Lehrpläne, die vorsehen, dass es ein pflichtbestandteil ist aller
    Unterrichtsfächer in allen Klassenstufen das Lesen zu lehren. Das ist
    das eine. &62;Doch die Fachlehrer sind hierzulande überhaupt nicht
    darauf vorbereitet. Sagen Sie mal einen Physik-, einem Geschichts-
    oder Mathematiklehrer, er soll Lesen unterrichten. Der fasst sich an
    den Kopf und sagt, das ist doch die Aufgabe der Deutschlehrer.
    Wie sieht denn der Leseunterricht des Mathematiklehrers aus? Garbe:
    Das erste ist, dass der Lehrer ein Bewusstsein dafür haben muss,
    welche Anforderungen ein Text stellt und welches Vorwissen ein Text
    voraussetzt. Das zweite ist, dass er dann über Strategien, Fähigkeiten
    und Instrumente verfügen muss, mit denen er das den Schülern
    nahebringen kann. Speziell bei Mathematik gibt es aus Ungarn eine ganz
    interessante Studie, die untersucht hat, an welchen Teilaufgaben
    Sechstklässler bei Mathematikaufgaben scheitern. Das Ergebnis war grob
    gesagt: 80 Prozent der Schüler scheitern nicht an der Rechenaufgabe,
    sondern daran, den Text in eine Rechenaufgabe zu transformieren. Das
    sind drei oder vier verschiedene Teilschritte bis die Schüler soweit
    sind, dass sie überhaupt wissen, was sie rechnen müssen. &62;Das
    müssen Mathematiklehrer wissen. Das wissen sie aber nicht. Sondern
    gehen davon aus, weil sie das selber ja in ihrem fachstudium gelernt
    haben, wie das funktioniert, gehen sie davon aus, dass ihre Schüler
    das auch können. Das heißt sie sind sich dieser Schwierigkeiten gar
    nicht bewusst. Das gilt generell für uns als Erwachsene. Wir haben
    Lesen in einem langen Prozess gelernt. Und weil wir es können, machen
    wir uns nicht mehr klar, welche Anforderungen damit verbunden sind. In
    den USA müssen angehende Lehrer Pflichtveranstaltungen besuchen, in
    denen sie lernen, Fachspezifische Lese- und Schreibkompetenz zu
    vermitteln. In Deutschland wird das jetzt teilweise in den
    Bildungsstandards und den Kerncurricular definiert, aber da stehen wir
    noch relativ am Anfang.
    Wenn wir jetzt umdenken, wie lange wird es dauern, bis das bei den
    Schülern Früchte trägt? Garbe: Das könnte binnen eines Jahrzehntes
    gelingen, aber dafür müsste ein sehr konsertierter Wille von Seiten
    der Bildungspolitik vorhanden sein. Doch das ist vollkommen halbherzig
    angegangen worden nach dem Pisa-Schock. Es gibt Länder, die schneller
    Konsequenzen gezogen haben. Eines unserer Probleme ist, dass wir diese
    föderale Bildungsstruktur haben, dass es 16 Bundesländer sind, die
    alle für sich entscheiden, was sie machen. Einige haben sehr
    interessante Programme zur Leseförderung aufgelegt, aber das Gros der
    Länder hat das nicht und die Kultusministerkonferenz ist erst 2008 auf
    die Idee gekommen, das bundesweite Projekt „Pro lesen“ aufzulegen, um
    Lesen fachspezifisch zu fördern. Und das war ein lächerlich gering
    finanziertes Projekt, das nur zwei Jahre lief. &62;Da hat die
    Bildungspolitik ganz große Versäumnisse zu verantworten. Denn
    Curricular umschreiben, das ist nicht so eine riesig aufwendige Sache.
    Das Wissen dafür haben wir, nur die deutschen Kultusbürokratien
    fordern das Wissen nicht ab von den Wissenschaftlern. Aber das könnte
    man recht schnell machen. Das Aufwendigere ist dann das EU-Projekt,
    was ich gerade leite, wir tun gerade das, erarbeiten ein
    Lehrerweiterbildungscurriculum und versuchen umzusetzen: Was müssten
    Fachlehrer aller Unterrichtsfächer in den Sekundarstufen wissen, um
    guten Leseunterricht in ihrem Fach zu machen. Wir haben das entwickelt
    und das sind 36 Stunden Lehrerfortbildung. das ist nicht so riesig
    viel. Das könnte man mit einem entsprechenden politischen Willen
    umsetzen und sagen, wir können alle unsere Lehrer weiterbilden. Ich
    habe gerade Gespräche in Rumänien geführt, da ist das angedacht, das
    man das landesweit macht. Das wäre auch hier ein überschaubarer
    finanzieller und zeitlicher Aufwand. Das kann man innerhalb weniger
    Jahre in die Lehrerfortbildung implementieren und könnte dann wirklich
    gucken, trägt das Früchte, kommt da was an bei den Schülern. Da müsste
    man wirklcih Evaluationsforschung machen.&62;
    Und bis die Bildungspolitik reagiert, was können Eltern tun? Garbe:
    Wir haben in Deutschland die Lesesozialisationsforschung sehr stark
    entwickelt, die gibt es so ausgeprägt international eher weniger. Die
    fast noch wichtigere Instanz von Leseentwicklung für Kinder ist die
    Familie. Was die Familie in den ersten sechs Lebensjahren der Kinder
    an Grundlagen schafft, bestimmt weitgehend, wie erfolgreich Kinder in
    der Schule das Lesen lernen.Wenn wir uns die Lesebiografie der
    leseschwachen Schüler anschauen, dann stellen wir fest: Fast alle von
    diesen Kindern haben überhaupt keine Leseförderung in der Familie
    erfahren. Ganz wichtig ist, dass Kinder wahr nehmen, dass es
    Schriftmedien gibt: Bücher, Zeitungen und Zeitschriften. Und dass sie
    wahrnehmen, die Eltern sind aktive Leser, die gehen tagtäglich mit
    Schrift um. Schrift sollte eine Bedeutung haben und
    Gesprächsgegenstand sein in der Familie, Schrift ist wichtig für die
    Eltern und Schrift ist positiv, &62;emotional positiv besetzt sein.
    Das heißt, die Eltern haben Spaß am Lesen, sie lesen genussvoll.
    Außerdem sollten Eltern gemeinsam mit den Kindern lesen und in vieler
    Art und Weise lustvoll mit Sprache umgehen. Ein einfaches Beispiel
    dafür sind Kniereitereime oder Abzählverse. Das ist der Daumen, der
    Schüttelt die Pflaumen, der hebt sie auf, der trägt sie nach Haus‘ und
    der Kleinste ist sie alle auf. Dann haben wir eine Art der
    Sprachverwendung, die nicht mehr alltäglich ist, die ist strukturiert,
    gereimt und rhytmis. Und schon im zweiten Vers verlassen wir die
    konkrete Ebene und gehen auf die symbolische Ebene. Wenn Sie sagen,
    der schüttelt die Pflaumen, denn der Zeigefinger schüttelt ja nicht
    die Pflaumen, wir eröffnen jetzt eine zweite Welt, die der
    übertragenen Sprachbedeutung. Wir müssen uns ein Bild dazu vorstellen,
    das das jetzt nämlich gar nicht mehr mein Zeigefinder ist, sondern ein
    Kind. &62;Mit dieser Art von Symbolsprache eröffnen wir auf einer ganz
    einfachen Ebene bildliche Räume für die Kinder. Und das tun wir auch,
    wenn wir Märchen oder Geschichten erzählen und erst recht, wenn wir
    mit Kindern Bilderbücher anschauen oder vorlesen. Das heißt wir
    eröffen für Kinder eine ganze eigene Vorstellungswelt. Und Kinder, die
    das erlebt haben in der frühen Kindheit, kommen in die Schule und sind
    hoch motiviert, Lesen und Schreiben zu lernen. Sie wissen, dass sie
    damit in Fantasiewelten eintauchen können. Wenn Sprache sich immer nur
    reduziert hat auf „Gib mir mal die Butter rüber“ oder „Putz dir mal
    deine Zähne“ dann kennen Kinder diese zweite Dimension von Sprache
    nicht. Die kennen vielleicht, dass ihre Eltern Schrift nur als
    bedrohlich erleben, wenn wieder ein Brief vom Sozialamt kommt.
    Welche Folgen hat das? Garbe: Diese Kinder haben keine Motivation,
    Schrift zu lernen und keine Idee davon, was Schrift eigentlich ist.
    Und das macht diesen ganz großen Unterschied schon zu Beginn der
    Schulzeit aus. Wenn wir uns jetzt nochmal vergegenwärtigen, dass es
    für Kinder eine ungeheure Anforderung ist, Schriftsprache zu lernen,
    also das, wofür die Menschheit Jahrtausende gebraucht hat, soll ein
    Kind in zwei Jahren bewältigen. Das ist eine irrsinnige kognitive
    Herausforderung. Und &62;wird das ohne Motivation nicht gelingen. Da
    fehlt die Basis. Emotionen sind ungeheur wichtig.
    Wie können denn die 15-Jährigen gefördert werden, die Pisa
    identifiziert hat als leseschwache Schüler? Garbe: Oder, um das noch
    drastischer zu formulieren: die funktionalen Analphabeten. Das sind
    Menschen, die können// auf einem ganz niedrigem Niveau lesen und
    schreiben, die können ihren eigenen Namen schreiben, vielleicht auch
    ein bisschen mehr, aber sie genügen nicht den Minimalanforderungen der
    Alltagsbewältigung mit Schrift. Insgesamt gibt es sieben Millionen
    funktionale Analphabethen in Deutschland, das heißt bei 80 Millionen
    Bundesbürgern sind das fast zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung.
    Da müssen wir jetzt mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen große
    Anstrengungen unternehmen, um sie davor zu bewahren. In unserem
    EU-Projekt, dem Adore-Projekt haben wir mit elf europäischen Ländern
    zusammengearbeitet, um zu sehen, welche Modelle guter Förderung von
    Jugendlichen es gibt.
    Und wie sehen diese Modelle aus? Ganz wichtig sind Motivation,
    Interesse, Emotion. Garbe: Es reicht jedenfalls nicht, wenn wir diese
    Schüler in Lesestrategien trainieren. Das ist höchstens die halbe
    Miete. Wir müssen daran arbeiten, dass sie Zugänge zum Lesen finden.
    Wir müssen arbeiten am lesebezogenen Selbstkonzept der Schüler.
    Das bedeutet? Garbe: Diese 15-Jährigen haben in den ersten sechs Jahre
    ihrer Kindheit gar keine Erfahrungen mit dem Lesen und schreiben
    gesammelt — und dann in der Schule von Anfang an mehr oder weniger
    frustrierende. Schlechte Noten haben dazu geführt, dass hat, Lesen zu
    vermeiden und so weiter. All die schwachen Pisa-Schüler sagen: Lesen
    ist nichts für mich, ich lese nicht. Ich mag das auch nicht. Das
    nennen wir ein negatives lesebezogenes Selbstkonzept. Diese Schüler
    definieren sich als Nichtleser. Das muss man aufbrechen. Das ist eine
    tiefe persönliche Dimension muss man erreichen bei einer erfolgreichen
    Leseförderung. Man muss also positive Erfahrungen mit dem Lesen
    gestalten. Auf der einen Ebene dadurch, das man Lesestoffe anbietet,
    die für die Schüler interessant sind. Das kann im Zweifelsfall ihre
    Computerzeitschrift sein. Auf der anderen Seite muss man sie gezielt
    darin unterstützen, die notwenigen Fähigkeiten zu erwerben, dass sie
    Texte lesen und verstehen können. Dazu braucht man Lesetrainings, die
    so aufgebaut sind, dass sie Erfolgserlebnisse generieren.
    Können Sie dafür ein Beispiel geben? Garbe: Da gibt es inzwischen
    schöne Programme.Sie geben einem Schüler einen Text von einer Seite
    mit soundsoviel Worten. Um den flüssig lesen zu können, müssen wir auf
    eine Geschwindigkeit kommen von soundsoviel Worten pro Minute. Das ist
    ziemlich genau erforscht. Und man sollte auf einer Seite auch nicht
    mehr als fünf Lesefehler aufweisen. Und dann hat man einen Zielwert.
    Dann lässt man diesen Text lesen und ein anderer Schüler sitzt
    daneben, protokolliert die Lesefehler und stoppt die Zeit.
    Normalerweise belässt man es dabei, der Lehrer tadelt und dann kommt
    der Nächste dran. Beim Training aber liest der Schüler diesen Text
    nochmal und wieder wird die Zeit gestoppt und die Lesefehler werden
    gezählt. In aller Regel stellt man fest, beim zweiten Mal ist er
    besser als beim ersten Mal. Dann macht er das noch ein drittes,
    viertes und vielleicht sogar noch ein fünftes Mal und dann ist er
    soweit, dass er den Sollwert erreicht hat und stellt er fest: Ach guck
    mal, ich kann das ja doch. Also aus dem anfänglichen Frust wird ein
    Erfolgserlebnis. Ich habe das ausprobiert mit Hauptschülern der
    sechten Klasse — es funktioniert hervorragend. Das ist ein Schritt,
    wie man ein negatives Leseselbstkonzept verändert.
    Welche Texte eigenen sich für diese Lesetrainings? Garbe: Zwei
    weitgehend unterschätzte Medien sind Zeitungen und Zeitschriften. wir
    sind immernoch sehr stark darauf ausgerichtet Lesen mit Buch lesen
    gleichzusetzen. Besonders für schwache Leser ist es ein Horror, ein
    Buch lesen zu müssen. Plötzlich 200 Seiten vor sich zu haben ist eine
    riesige Hürde. Es ist viel einfacher mit kurzen Texten zu arbeiten und
    ein authentisches Format, in dem wir kurze Texte haben ist die
    Zeitung: Deswegen sind das so wichtige Medien, die wir in der Regel
    völlig vernachlässigen in der Schule.Nehmen wir mal die Landeszeitung:
    da haben wir so viele Rubriken, das eröffnet die Möglichkeit, das
    jeder Schüler einen Text findet, der ihn interessiert. Denn der
    Regelfall sieht ja so aus: Lehrer sucht ein Buch aus, das in der Regel
    maximal den Lesern gefällt, meist den Mädchen. Und 22 von 25 Schülern
    haben überhapt kein Interesse dieses Buch zu lesen und werden
    gezwungen und verbinden wieder negative Emotionen damit. Nimmt man
    eine Tageszeitung ist die Situation völlig anders.
    Angesichts all dessen, was wir besprochen haben, wie lautet Ihr Fazit
    zur Zukunft des Lesens — eher schwarz oder doch rosarot? Garbe: Ich
    würde sagen von beidem etwas. Rosarot insofern, als dass Lesen seine
    Bedeutung behalten wird. Lesen wird wichtig bleiben in unseren
    gnadenlos literalen Gesellschaften. Es kann aber sein, dass Lesen vor
    allem in funktionalen Bereichen wichtig wird, also weniger das Lesen
    von literarischen Texten als das von Sach- und Gebrauchstexten. Da
    können wir mit ziemlicher Sicherheit sagen, das wird seine Bedeutung
    erhalten. Und das Verpflichtet die Bildungssysteme für ein hohes
    Niveau an Lesekompetenz bei den Schülern zu sorgen. Das ist die
    Herausforderung, der wir heute noch nicht wirklich gewachsen sind. Die
    andere frage, die noch nicht so klar zu beantworten sit, ist die nach
    der Zukunft des literarischen Lesens oder im engeren Sinne der
    Buchkultur. Das wird sich noch zeigen, ob das Buch als Literatur
    seinen gesellschaftlichen Stellenwert behalten wird. Es gibt ja
    durchaus Menschen, die sagen, ich muss nicht unbedingt ein Buch lesen,
    ich kann mir auch einen Film anschauen. Oder ich spiele ein
    Computerspiel, da bin ich ja auch in einer Geschichte und das
    reizvolle ist, dass ich die Geschichte interaktiv mitgestalten kann.
    Das mag sehr gut sein, dass das literarische Lesen nur eine mediale
    Praxis ist im Bereich der Aneignung von Geschichten und von Fiktionen
    neben anderen. wie da die Zukunft des Buches sein wird, bleibt
    abzuwarten, das wird sich vermutlich ausdifferenzieren. Da wird man
    einiges aus unserer Sicht, die wir jetzt mit dem Lesen groß geworden
    sind, an Verlsuten beklagen. Aber ich finde das ist legitim. Ich bin
    nicht pessimistisch, ich glaube nicht, dass die Buchkultur untergehen
    wird. Es kann sehr gut sein, dass die Computerkids anders als frühere
    Generationen nicht mehr von kleinauf die Bücher als ihr wichtigsts
    Medium erachten aber vielleicht mit 25 sagen, jetzt haben sich
    Computerspiele abgenutzt, jetzt sind Bücher interessanter.
    Wer sind die Pisa-Verlierer? Garbe: Wir könne sehr durchgängig aus
    allen Studien drei Merkmale herausfiltern, die auf schwache Leser
    meistens zutreffen: Es sind deutlich mehr Jungen als Mädchen und das
    weltweit. Grob kann man sagen Zweidrittel Jungen und eindrittel
    Mädchen, zweitens sind das Kinder aus bildungsfernen Familien oder aus
    schriftfernen Lebenswelten und drittens sind es überproportional
    häufig Jugendliche mit Migrationshindergrund, für die Deutsch nicht
    die Muttersprache ist. Das ist einläuchtend, weil die noch sehr viel
    mehr Hürden nehmen müssen, weil es eben nicht mal ihre Muttersprache
    ist, die sie lesen müssen. Das rätselhafte ist eigentlich das
    Jungenphänomen. Es gibt aber kein Lesegen, sondern es sind
    soziokulturelle bedingungen. Jungen werden besonders schlecht
    gefördert, sowohl in der Familie als auch in der Schule. Deshalb ist
    eines meiner Projekte eine Internetseite aufzubauen mit speziellen
    Leseempfehlungen für Jungen. Und die adresseirt sich besonders an
    Lehrer, an Bibliothekare, an Buchhändler, an eltern und an
    Leseförderer, das die da Ratschläge bekommen.
    Kriterien? Wie speziellJungen fördern kann? Garbe: Grob gesagt müssen
    das Texte sein, die Spannung und Action beinhalten. Es ist in der
    Regel keine psychologische oder problemorientierte Literatur, nichts
    wo Beziehungen oder soziale Probleme im Vordergrund stehen, damit
    erreicht man jungen in der Regel nicht. Die Bücher müssen einen klaren
    Spannungsbogen haben und nach Möglichkeit auch einen klaren Helden.
    Wir nennen das Erzählmuster die Reise des Helden, also dass jemand zum
    Helden wird, damit erreichen wir vor allem die Jungen. Das ist ein
    vollkommen anderes Erzählmuster als wir es gewöhnlicherweise in den
    Texten im Deutschunterricht finden. Und ein zweites populäres Muster
    knüft an an den Comic, ein bekanntes Beispiel ist Greg’s Tagegebucht.
    Das sind die Missgeschicke des Anti-Helden. Das ist für Jungen aber
    auch attraktiv. Bücher mit einer Protagonistin sind erstmal weniger
    attraktiv.

    Mit freundlichen Grüßen

    Sandra Bengsch
    Lokalredaktion
    Telefon +49 (0)4131-740-252
    Fax: +49 (0)4131-740-213
    mailto: Sandra.Bengsch@Landeszeitung.de
    http://www.landeszeitung.de

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